Was ist die IN*VISION?

Das Seminar & Festival IN*VISION geht nun in die vierte Runde. Ein neues Motto, ein neues Gelände und viele neue Crew-Mitglieder erwarten uns.

Unser diesjähriges Motto lautet "utopien.intersektional.erkämpfen" und wie immer ist unser Anliegen anti-rassistische, postkoloniale und queer-feministische Kämpfe zusammenzudenken. Dabei wollen wir uns dieses Mal besonders unseren utopischen Vorstellungen einer besseren Welt widmen und überlegen, wie wir unsere Kämpfe und den Weg dahin intersektional organisieren können.

Wir werden wieder ein gemeinsames Wochenende voller interessanter Workshops, Lesungen, Diskussionen und Inputs, als auch Konzerte, Sportangebote, Spoken Word, Tanz und Zeit zum Vernetzen verbringen. Die IN*VISION bietet auch dieses Jahr einen Raum sich inhaltlich mit Themen rundum intersektionale Macht- und Diskriminierungsverhältnisse auseinanderzusetzen. Wer mit welchen Themen vor Ort sein wird, erfahrt ihr wie immer in den laufenden Monaten Stück für Stück.

Ihr könnt euch aber sicher sein, dass es Schwarze/of Color FLT*I*-only Angebote geben wird, im Sinne von Workshop- und Empowerment-Räumen, die ermöglichen, dass ihr euch in geschütztere Situationen begeben könnt und dadurch Orte für Selbstreflexion und Vernetzung findet.

Im Mittelpunkt sollen nämlich queer-feministische Perspektiven of Color stehen, weshalb wir bei unseren Anfragen darauf achten, bevorzugt Schwarze/of Color FrauenLesbenTrans*Inters* anzufragen. Dabei ist es uns wichtig, dass trans* und nicht-binäre Menschen of Color von allen mitgedacht werden.

Grundsätzlich ist unser Festival offen für alle Menschen, die Lust haben, sich politisch mit unseren Anliegen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig haben wir uns auf die Quote geeinigt, nach der sich mindestens 75% der Teilnehmer*innen als BIPOC, d.h. People of Color, (post-)migrantisch, Schwarz, indigen, Rom*nja, Sint*ezza uvm. verstehen müssen. Somit wollen wir bei der Anmeldung der Teilnehmer*innen sicherstellen, dass die Stimmen von BIPoC die Mehrheit bilden. Außerdem achten wir darauf, dass eine Mehrheit an FLT*I* die Möglichkeit bekommt, sich anzumelden.

Uns ist bewusst, dass wir keinen Raum schaffen können, der frei von Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen ist – denn so etwas wie eine Gegenwelterfahrung gibt es in den bestehenden Verhältnissen leider nicht. Da wir es dennoch versuchen wollen, wird es auf der IN*VISION ein Awareness-Team geben, welches ansprechbar für alle Teilnehmer*innen ist.

Warum Utopien.intersektional.erkämpfen?

Warum gerade dieses Motto? Warum ist uns Intersektionalität wichtig und wieso rücken wir dieses Jahr den Kampf um unsere Utopien in den Mittelpunkt?

Auf der IN*VISION wollen wir uns - gemeinsam mit euch und den eingeladenen Referent*Innen - für verschiedene Herrschaftsverhältnisse sensibilisieren, versuchen ihr Zusammenwirken zu begreifen und überlegen, wie intersektionale, feministische Bündnisse und Kämpfe aussehen können.

Die Kritik an weißen, mittelständigen "feministischen" Bewegungen ist bereits alt und wurde schon viel diskutiert. Denn schon 1851 stellte Sojourner Truth die Frage: "Ain't I A Woman?" und kritisierte damit, dass der Fokus auf eine vermeintlich gemeinsame Unterdrückung aufgrund von Geschlecht, die Rassismus- und Klassismuserfahrungen Schwarzer Frauen komplett ausklammerte.

Die Forderungen und feministischen Kämpfe von Schwarzen, Indigenous und FLT*I* of Color wurden damals sowie heute von weißen mainstream-feministischen Bewegungen marginalisiert und ent_wahrgenommen. Dabei bedeutet Feminismus die Gleichbehandlung – und berechtigung von allen Frauen, Lesben, Trans*- und Inter*-Personen, weshalb feministische Bewegungen nur dann effektiv sein können, wenn ALLE Identitäten und Positionierungen von ALLEN Menschen in Bezug auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Diskriminierungserfahrungen mitbetrachtet werden.

„there is no such thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives.“ – audre lorde

Da wir alle keine eindimensionalen Identitäten haben, sondern unsere Identitäten sich aus vielen verschiedenen Aspekten zusammensetzen, ist es unverzichtbar, dass wir im feministischen Diskurs die verschieden wirkenden Machtverhältnisse – Rassismus, Klassismus, Ableism, Cis-Sexismus und so weiter - mitdenken. Wir müssen sie in die Reflexion miteinbeziehen und dominante Positionen hinterfragen, sodass marginalisierte Personen und Gruppen, die in ihrer gesellschaftlichen Positionierung verschränkte Diskriminierungserfahrungen machen, eine Stimme erhalten.

Denn Machtverhältnisse wirken zusammen. Überall. Intersektional.

Den Begriff Intersektionalität verwendete 1989 erstmals Kimberlé Crenshaw, eine Schwarze US-amerikanische Juristin, in einem wissenschaftlichen Aufsatz. Sie war inspiriert von dem Bild einer Straßenkreuzung (intersection), an der sich Machtwege kreuzen, überlagern und überschneiden. Es ist wichtig zu erkennen, dass Mehrfachbetroffenheiten nicht nur einzeln und parallel nebeneinander, sondern ineinander verschränkt wirken und sich gegenseitig bedingen. Der Begriff Intersektionalität beschreibt damit also die oben beschriebenen verschiedenen und gleichzeitigen Diskriminierungen, die eine Person erleben kann und die nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

„if we aren’t intersectional, some of us, the most vulnerable, are going to fall through the cracks.“ – kimberle williams crenshaw

Auf der diesjährigen IN*VISION wollen wir unsere Utopien in den Mittelpunkt stellen. Gemeinsam wollen wir eine Zukunft entwerfen, in der es uns gut geht.

Utopie beschreibt einen perfekten "Nicht-Ort" in der Zukunft, also ein Ort, der weder war noch ist, aber sein könnte. Unsere tägliche politische Arbeit ist ein Kampf, macht müde und kann uns an, wenn nicht sogar über unsere Grenzen hinaus bringen. Meistens ist es ein Kampf gegen etwas. Uns ist bewusst, wie notwendig Antidiskriminierungsarbeit ist, dass wir Widerstand leisten und auf gesellschaftliche Missstände hinweisen müssen. Und doch ist es gleichzeitig schade, dass wir dabei manchmal aus den Augen verlieren, wofür wir eigentlich kämpfen und wo wir hinwollen: Wir haben eine (In*)Vision von einer besseren Gesellschaft, eine Utopie von der wir träumen.

Es gibt also neben dem gegen etwas auch ein für etwas. Was unser Grund, unser „wofür“ darstellt, wollen wir herausfinden und zwar intersektional. Indem wir unsere Utopien wieder in den Fokus rücken, möchten wir der Resignation und Erschöpfung entgegentreten und neue Kraft sammeln.

„dreams and reality are oppposites. action synthesizes them“ – assata shakur